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Bodo Kirchoff, „Betreff: Einladung zu einer Kreuzfahrt“

November 6th, 2017 ·

Ein Schriftsteller bekommt von einer Reederei eine Einladung zu einer Kreuzfahrt in die Karibik. Er soll dort gegen Kost, Logis und einer Kabine ganz für sich, als „Edutainer“ wirken und für die „zahlenden Gäste“ aus seinen Werken lesen. Dem freundlichen Anschreiben beigefügt ist ein knapp 50-seitiges Regelwerk zur korrekten Verhaltensweise des „Edutainers“ während dieser Kreuzfahrt. Das Buch nun ist die Antwort des Schriftstellers auf die Anfrage.

Während der Schriftsteller seine Antwort im Laufe einer Nacht formuliert, genehmigt er sich immer wieder ein kleines Schlückchen vom guten Hochprozentigen, was für die Leser des Buches amüsante Konsequenzen nach sich zieht. Das Schreiben wird immer vertraulicher. Allerdings nicht wirklich netter. In einem durchaus eloquenten, dafür nicht wenig bissigen Tonfall bekommen gleich mehrere Gruppen ihr Fett weg: Kreuzfahrtliebhaber aka „zahlende Gäste“ (natürlich), Tätowierte (besonders), Frauen (explizit wie implizit), Männer (ein bisschen), Schifffahrtsgesellschaften (naheliegend), Deutsche (sowieso) und weitere unternehmungslustige Europäer. Das ist nur die Spitze des Eisbergs!

Stundenlang möchte man dem Schriftsteller folgen in seinen Argumenten gegen die Zumutung auf einem Kreuzfahrtdampfer, Kreuzfahrt!, seine Texte wie Heizdecken zu bewerben. Wahrscheinlich gut so, dass das Buch recht kurz ist. Wer weiß, wer dem Schriftsteller sonst noch ins Fadenkreuz gelaufen wäre. Kirchhoff lässt übrigens seinen Schriftsteller auf eine fabelhafte Weise unsympathisch erscheinen. Beinah entwickelt sich ein klein wenig Verständnis für die Lage des Schriftstellers.

Am Ende ist die Frage, ob er denn nun zu- oder absagt, und die Antwort darauf vollkommen gleichgültig. Kirchhoffs Schelmenstück ist bis dahin derart amüsant, dass der Ausgang keine Rolle spielt. Und darum geht es j auch gar nicht. Nie war Kirchhoff vergnüglicher, boshafter, scharfsichtiger, unterhaltsamer. Gerade durch die Kürze des Buches – nach 128 Seiten ist Schluss – gewinnt der Text an Drive und Würze. Kirchhoff erzählte in verschiedenen Interviews, der Hintergrund sei eine reale Anfrage mit einem ebenso realen knapp 50-seitigen Anhang gewesen, woraus sich die Idee zu diesem Buch entwickelte. Ein dickes Dankeschön an die betreffende Reederei, die das Buch erst möglich gemacht hat.

4 von 5 Punkte

Tags: News · Belletristik · Humor